Das ist der wenig bekannte Name für einen bewaldeten, steilen Südhang nördlich von Oberschan, unweit der Grenze zur Gemeinde Sevelen im hügeligen Gelände des Gretschinser Holzes, am südlichen Ende des langgezogenen Höhenzuges, der westseitig als Chalchofenwand steil abstürzt. Der gleiche Name erscheint daneben auch etwa 600 m weiter nördlich, nämlich schon knapp auf Seveler Gebiet, für eine Mulde im Wald zwischen Plana1 und Höberg1, südlich vom Gross Boden, oben am Fälslibach. Damit nicht genug, ist dieselbe Bezeichnung noch ein drittes Mal im gleichen Umkreis zumindest schriftlich bezeugt (aber heute ausgestorben), nämlich weiter unten am Fälslibach, oberhalb von Giuf über dem südlichen Dorfausgang von Sevelen. Eine auffällige Ausgangslage! Handelt es sich hier wirklich um drei von einander unabhängig entstandene Bezeichnungen? Oder könnten es die verbliebenen Überbleibsel und Randstücke einer einstmals grösseren Zone sein, die einst diesen Namen getragen hätte? Auffällig ist jedenfalls, dass das bewaldete Gebiet, das sich zwischen diesen drei Eckpunkten als grosses Dreieck ausdehnt, heute nur wenige grossflächige und durchwegs deutsche Bezeichnungen trägt (Gretschinser Holz, Hinderhölzli, Chalchofen, Höberg), Namen, die ja verhältnismässig jung sind und möglicherweise einen alten, vordeutschen Namentyp Falfermues (in Sevelen auch als Falfermus bezeugt) an den Rand gedrückt haben könnten.
Anstelle von Landschaftsaufnahmen, die in diesem bewaldeten Gebiet ohnehin schwer zu bekommen sind, lassen wir hier einen Ausschnitt aus unserer Flurnamenkarte (kombinierter Ausschnitt Wartau/Sevelen) erscheinen, wo die drei Eckpunkte namens Falfermues numeriert auftreten (die Nr. 3 ist nur urkundlich belegt und örtlich nicht genau fixierbar). Oben rechts ist ein Teil des Dorfes Sevelen sichtbar; unterhalb der gut erkennbaren Grenzlinie ist Wartauer Gebiet. Vielleicht galt die romanische Benennung einmal für das ganze Dreieck zwischen den drei Nummern; doch auf welche örtlichen Gegebenheiten sie sich ursprünglich bezog, bleibt offen. Bild: Werdenberger Namenbuch.
Diese Fragen drängen sich einem hier unwillkürlich auf. Man stünde da vor einer neuen Sachlage, und die örtlichen Bedingungen der drei Eckpunkte wären auf der Suche nach einer Namendeutung wohl gar nicht mehr so massgebend – wie sie ohnehin ganz unterschiedlich sind und kaum einen gemeinsamen Nenner zu liefern scheinen, der zu einer einheitlichen Deutung führen könnte. Man wird daher bei der Ermittlung von Deutungskriterien durchaus auch die Topografie der gesamten Zone des grossen Dreiecks im Auge behalten müssen (wo sonst keine romanische Namen vorkommen und wo etwa landschaftliche Begriffe wie Wald, Bachtobel, Hügelkuppe, Mulde, Lichtung, Felsabsatz zutreffend scheinen). Damit aber wachsen auch die Unbekannten weiter an – denn je grösser und vielgestaltiger das Falfermues-Gebiet, desto vieldeutiger auch die möglichen, sprachlich und topografisch plausiblen Benennungsmotive, die den Namen erklären könnten. Wobei noch nicht einmal feststeht, dass der Name sich überhaupt auf die Geländegestalt bezieht; dies ist ja nur eine Möglichkeit unter anderen.
Der Blick auf die urkundlichen Formen bringt zunächst zwei Dinge an den Tag: Erstens dies, dass für den Wartauer Fall gar keine historischen Belege vorliegen. Nur in Sevelen konnten urkundliche Nennungen erfasst werden, allerdings bleibt dort meist unklar, ob sie dem «oberen», heute noch bekannten, oder dem «unteren», Gebiet zuzuordnen sind. Zweitens ist als eigentliche Überraschung zu werten, dass der älteste Beleg von 1434 │valpermus│ lautet. Diese Variante steht in einer Originalurkunde im Archiv der Ortsgemeinde Sevelen vom 7. Sept. 1434 (wo es um den Streit zwischen Sevelen und Wartau um Wunn, Weide und Grenzen ging), und mit dieser unerwarteten Formvariante auf │v-p-│ könnte sich die ganze Deutungsfrage ganz anders stellen; entsprechend fordert sie unsere Aufmerksamkeit heraus. Ist das Dokument zuverlässig? Ja – da es sich um eine Originalurkunde handelt, scheint es durchaus vertrauenswürdig. Die zweite Nennung, um 1600, findet sich in der Papierabschrift einer Urkunde von 1456 im Gemeindearchiv Sevelen (Titel: «Abtheilung der Nußbömmen Jhn dem holz»). Sie lautet nun │valver muss│; es scheint also, dass um 1600 die heutige Form (mit │v-v-│) schon gebräuchlich war (vielleicht noch neben der älteren Variante). An der Echtheit der alten │v-p-│-Form ist jedenfalls kaum zu zweifeln, umso mehr, als in einem Kopialbuch von 1740 mit Abschriften älterer Urkunden (im Archiv der Ortsgemeinde Sevelen), nochmals │v-p-│-Formen auftreten, nämlich │falbermaunss│ und │falber muss│. Auch hier scheint unverkennbar, dass der Schreiber das │falber-│ der Vorlage entnommen haben dürfte.
Man darf also annehmen, dass der heutige Typ Falfermues (Falfermūs) wohl aus älterem Falpermues (Falpermūs) hervorgegangen ist, was sich als konsonantische Angleichung erklären lässt. Und zum Nebeneinander von │-mues│ und │-mūs│ liegt die Vermutung nicht fern, dass das heute vorherrschende │-mues│ erst einer sekundären («volksetymologischen») Anlehnung an mundartlich Mues n. ‘Brei’ zu verdanken ist.
Soweit die Ausgangslage, wie wir sie am Ort vorfinden. Sie lässt │falpermus│ als die wahrscheinlichste Grundform erscheinen, und sie leitet uns nun über zur Frage, wie die ältere Forschung den Fall beurteilt hat.
Der Werdenberger Heimatforscher David Heinrich Hilty (bzw. sein Münstertaler Romanisch-Experte und Offizierskollege Thomas Gross) sieht (1890) im Namen ein romanisches val per mujas ‘Thal, auch Weide für zweijährige Rinder’.
Wilhelm Götzinger stellt ihn (1891) zu lat. vallis ‘Tal, Tobel’, und er erwähnt auch eine angebliche ältere Schreibform Valvermons.
Auch Theodor Schlatter äussert sich (1913) nur zum ersten Namensteil; er sieht in diesem romanisch uaul m. ‘Wald’.
Die beiden Werdenberger Lehrer U. Adank und J. C. Berger veröffentlichten 1924 im Werdenberger & Obertoggenburger eine Artikelserie zu Flurnamen und Örtlichkeitsbezeichnungen von Wartau. Sie fragten sich: «Valvermus ‘verstecktes Tal’»? Wie sie auf diese schwer nachvollziehbare Vermutung kamen, bleibt freilich ihr Geheimnis.
Der Wartauer Heinrich Gabathuler, Heimatforscher und langjähriger Seveler Dorfarzt, unterscheidet in seinen «Orts- und Flurnamen der Gemeinden Wartau und Sevelen» für unseren Namen die zwei Örtlichkeiten a) in Wartau («Tälchen zwischen Kalkofenwand und Brögstein»), b) in Sevelen («oben im Giuf gegen das Välsli»). Für beide schlägt er überzeugt ein lat. vermosus, rom. vermus vor, das er als ‘voller Würmer’ übersetzt: «Gemeint sind Schlangen und Nattern, die glatte Natter (Coluber laevis) und die Ringelnatter (Tropidonotus natrix).» Er verweist ferner auf die Namen Wurmtäli und Wurmhalde an den Drei Schwestern, womit er die Gleichung «Wurm = Schlange, Natter» stützen will.
Ich selber habe (1981) auf eine (in der Tat) «erstaunliche Parallelform» im Engadin hingewiesen, nämlich auf die Bezeichnung Val Fermúsa für ein Tobel in der Gemeinde Ramosch. Dieses wird im Rätischen Namenbuch 2, 690 von Andrea Schorta zögernd mit lat. formica ‘Ameise’ (abgeleitet auf -osa) verbunden (was formal nicht ganz einleuchtet); einen Zusammenhang mit lat. formosus ‘schön, wohlgeformt’ (wie es einem Romanisten sogleich einfallen wird, lebt es doch weiter in portug. formoso, katal. formos, span. hermoso, rumän. frumos) lehnt der Autor aufgrund der nicht passenden Verbreitung des Worttyps eher ab. Damit könnte er recht haben, denn im Rätoromanischen ist es gar nicht nachzuweisen, ebenso wenig in der Galloromania und der Italoromania, letzteres immerhin mit Ausnahme des Altvenezianischen (wo es in Ortsnamen festgestellt wurde).
Soweit also die Ergebnisse und Mutmassungen der älteren Forschung. Auch zu ihnen ist einiges zu bemerken. Zunächst ist Hiltys Ansatz val per mujas ‘Tal für Rinder’ (zu engad. muoja/muja, surselv. mugia f. ‘zweijähriges Rind’) als künstliches Konstrukt sicher abzulehnen.
Was den ersten Namensteil Fal- betrifft, so können - je nach dem, von welchem Geländeabschnitt die Bezeichnung ursprünglich ausging – entweder lat. vallis f. ‘Tal’ oder lat. aqualis m. ‘Bach’ (also romanisch val oder aual) angenommen werden. Gabathulers *vermosus ‘voller Würmer (Schlangen)’ dagegen bleibt ohne Parallele. Dass es daneben ein lat. vermiosus und auch verminosus gab, sei hier nicht verschwiegen, aber auch sie leben jedenfalls im Romanischen nicht weiter; engadinisch vermus sowie franz. véreux ‘wurmstichig’ sind junge Neubildungen, und von einer Bedeutungsausweitung im Sinne Gabathulers findet sich nirgends eine Spur. Wie es um Götzingers angebliche ältere Schreibform Valvermons steht, lässt sich leider gar nicht nachprüfen. Doch haben wir (wie eingangs festgestellt) ohnehin eher von altem Falpermūs auszugehen, für welches sich die Würmerthese sowieso erübrigt.
Valentin Vincenz (1983), der dies auch so sah, versuchte dann noch eine Brücke zu schlagen zu einem fiktiven Typ vallis *prun-osa (zu lat. *pruna f. ‘Pflaume’, also ein «Tal mit vielen Pflaumenbäumen»), was rein formal nicht abwegig wäre, aber auch nicht vertrauenerweckend und jedenfalls mit Blick auf die Ortsverhältnisse vor tausend Jahren (Wald, Waldweide) sachlich aussichtslos ist.
Mehr Aufmerksamkeit gebührt der Bemerkung von Vincenz, wonach im Rätischen Namenbuch (RN 2, 238) ein Namentyp Permun (so in Degen) vorkommt, den Schorta (mit Fragezeichen) zu romanisch pei d’munt ‘Bergfuss’ stellte. In diesen Zusammenhang wären dann auch die Namen Parmon Ladir, Parmunt Tamins, Padmunt Santa Maria, Pimunt Scuol und Pedmunt Susch zu erwähnen, welche ebenfalls hierhin gehören. Diese Spur wollen wir auch in unserem Zusammenhang noch weiter verfolgen (was ich im Werdenberger Namenbuch noch nicht einmal in Betracht gezogen hatte).
Es geht also um die Frage, ob sich Falfermu(e)s bzw. älter │-permūs│ aus romanisch │-pe d’munt│ erklären liesse. Dass sich für die erste Silbe Fal- (als Grundwort des zusammengesetzten Namens) sowohl rom. val f. ‘Tal, Tobel’ wie auch altrom. aual m. ‘Bach’ anbieten, steht ausser Zweifel. Vielleicht wäre auch das romanische Wort für ‘Wald’, das frühe deutsche Lehnwort uaul, noch in Betracht zu ziehen - je nachdem, wo und wie man sich den Benennungshintergrund vorstellt. Wäre zum Beispiel seinerzeit der Hangeinschnitt des Fälslibachs als Benennungsmotiv herangezogen worden, dann wären sowohl ‘Bach’ als auch ‘Tobel’ begrifflich gerechtfertigt. Hätte sich der Name dagegen im höhergelegenen Gebiet, im Bereich der Chalchofenwand, entwickelt, dann schienen wieder entweder ‘Taleinschnitt’ oder ‘Wald’ die passenden Begriffe zu sein.
Der ganze Name würde dann bedeuten: ‘Bach (oder Taleinschnitt oder Wald) am Bergfuss’. Doch das bleibt unbewiesen. Denn es spricht nicht alles dafür. Wie etwa sollte sich romanisch │-pe d’munt│ zu │-permūs│ entwickelt haben können? Das ist hier die Hauptfrage, und sie lässt sich nicht endgültig beantworten. Von │-pe d’munt│ bis zu │-permunt│ scheint der Übergang erklärbar: perm- ist leichter auszusprechen als pedm-. Woher aber soll das -s am Schluss gekommen sein? Darf vielleicht auch eine Mehrzahl │-pe d’munts│ ‘Fuss des Hügelgebiets’ angesetzt werden? Das ist schon etwas weniger selbstverständlich. Und noch weniger ist es der Rest, nämlich der doch gänzlich ungewöhnliche Übergang von │-permun(t)s│ zu │-permūs│. Ohne die Annahme einer unorganischen Fremdeinwirkung, etwa einer Ablenkung durch einen anderen, ähnlichen Namen, wäre hier jedenfalls nicht durchzukommen. Und eine solche Einwirkung ist zwar nicht unmöglich, liegt aber auch durchaus nicht auf der Hand. Hier ist also mit der Spekulation nicht weiter zu kommen; wir müssen uns daher mit dem bisher Gesagten begnügen ...
Damit ist auch der Zusammenhang mit dem Unterengadiner Val Fermusa weiterhin ungeklärt, denn ob dort ebenfalls eine ältere Form *Val Permusa angenommen werden dürfte (wie sie eben bei uns zu vermuten ist), kann von hier aus natürlich nicht behauptet werden. Für eine Verknüpfung mit unserem Namenproblem schiene eine solche P-Form aber unumgänglich.
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